Ausprägungen von Staatlichkeit

Im Zentrum des Forschungsprojektes Staatlichkeit steht die Frage nach längeren Entwicklungslinien nationalstaatlicher Ordnung im östlichen Europa. Konkret wird untersucht, warum bestimmte Tendenzen der Staatsentwicklung in dieser Region anders oder stärker ausgeprägt waren als in anderen Teilen des Kontinents.
Der territorial definierte und demokratisch legitimierte Verfassungsstaat hat sich am Ende des 20. Jahrhunderts in Europa als Norm politischer Herrschaft durchgesetzt. Unterschiedliche gesellschaftliche Entwicklungen, politische Entscheidungen und historische Erfahrungen beeinflussten dabei diese Staatsbildungsprozesse, die in den jeweiligen Nationalstaaten unterschiedlich verliefen.
Wer um 1900 im nordostungarischen Karpatengebiet geboren wurde, erlebte im Lauf eines Menschenalters bis zu fünf Staatsangehörigkeiten, von der österreichisch-ungarischen über die tschechoslowakische, die ungarische, die sowjetische und zuletzt die ukrainische. Unbeachtet bleibt dabei die kurze karpato-ukrainische Staatsangehörigkeit vom 15. März 1939.
Politische Umbrüche, aber auch intensive Gewalterfahrungen und der tiefe Wandel von Agrargesellschaften zu postsozialistischen Transformationsgesellschaften prägten den Ausbau von Staatlichkeit in dieser Region.
Der vergleichende und erfahrungsgeschichtliche Zugang des Projektbereiches Staatlichkeit soll eine Herauslösung individueller Erfahrungen aus ihren nationalen Bezügen ermöglichen. Angestrebt ist ein transnationaler Vergleich gemeinsamer und historisch ererbter Problemlagen. Auf diese Weise sollen die Besonderheiten der Region deutlicher konturiert werden. Gleichzeitig werden die historischen Erfahrungen des östlichen Europas im gesamteuropäischen Kontext beleuchtet.