Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2013

Seminare

Verlorene Zukunft? Geschichtskultur und zeithistorische Museen im ehemaligen Jugoslawien

Hauptseminar mit großer Exkursion


Dozenten: Prof. Dr. Volkhard Knigge / Prof. Dr. Joachim von Puttkamer
Zeit: Mi 12 Uhr c.t.
Ort: Seminarraum im Historischen Institut

Der gewaltsame Zusammenbruch Jugoslawiens hat eine Trümmerlandschaft hinterlassen, und dies nicht nur im wörtlichen Sinne. Zeithistorische Orientierungen sind in den Nachfolgestaaten schwer zu formulieren und meist hart umstritten. Die Erinnerungen an Titos Jugoslawien und seine Geburt aus dem Zweiten Weltkrieg ragt beziehungslos in die Gegenwart oder wird zum Ausgangspunkt nostalgischer Verklärungen. Daneben stehen aus den Zerfallskriegen erwachsene und oft höchst widersprüchliche nationale Selbstvergewisserungen der Gegenwart. Das Seminar geht diesen Spuren nach und erarbeitet eine Übersicht über die zeithistorische Museumslandschaft, die der Vorbereitung einer Exkursion im September 2013 dient.
Die Teilnehmerzahl ist auf 15 Studierende begrenzt. Persönliche Anmeldungen werden bis 31. März erbeten an: joachim.puttkamer(at)uni-jena(dot)de

Der Gulag: Vergangenheit und Geschichte des sowjetischen Lagersystems

Dozenten: PD Dr. Jorg Ganzenmüller / Dr. Raphael Utz
Zeit: Di. 14-16 Uhr 
Ort: IKK, SR ("Turm")

Der Gulag ist eng mit der Geschichte des Stalinismus verwoben, und weist doch weit über die Zeit des Stalinismus hinaus. So wurde das erste Lager bereits 1923 auf den im Weisen Meer gelegenen Solowezker Inseln gegründet. Die gewalthafte Kampagne gegen die russischen Bauern im Rahmen der Kollektivierung der Landwirtschaft ab 1929 markiert dann die Wende zum stalinistischen Lagersystem. Nun wurde Lagerhaft zu einem Massenphänomen, von dem insgesamt rund 20 Millionen Menschen betroffen waren. Gleichzeitig gewann die Zwangsarbeit an Bedeutung, und der Gulag wurde zu einem Wirtschaftsfaktor der forcierten Industrialisierung des Landes. Der Ressourcenabbau in unwirtlichen Regionen und der Bau prestigeträchtiger Infrastrukturprojekte wie des Ostsee-Weißmeerkanals prägten nun den harten Häftlingsalltag, den viele nicht überlebten.
Seine größte Ausdehnung erreichte der Gulag nach dem Zweiten Weltkrieg mit knapp 200 Lagerkomplexen. Den Tod Stalins 1953 erlebten rund 2,5 Millionen Menschen als Lagerhaftlinge. Im Zuge der Entstalinisierung erfolgte die schrittweise Auflösung der meisten Lager, wenn auch einige bis zum Ende der Sowjetunion bestehen blieben. Zwar wurde die Mehrzahl der Haftlinge entlassen, aber dies war nicht gleichbedeutend mit einer Rehabilitierung. Und auch die Rückkehr in die Familien und die sowjetische Gesellschaft war schwierig: Die Entlassenen wurden nicht mit offenen Armen wieder aufgenommen, sondern stießen häufig auf Misstrauen und schlechtes Gewissen.
Im Zuge der Entstalinisierung unter Nikita Chruščev begann zwar eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Gulag, doch brach diese unter Brežnev bereits wieder ab. Erst Glasnost` und Perestrojka brachten das Thema wieder auf die Tagesordnung, ehe es durch die Alltagsmuhen des Transformationsprozesses und einer staatlichen Geschichtspolitik, die patriotische Themen einer Auseinandersetzung mit sowjetischen Gesellschaftsverbrechen vorzieht, wieder in den Hintergrund gedrängt wurde.
Das Seminar beschäftigt sich zum einen mit einer Rekonstruktion der Geschichte des Gulag und fragt nach seinen Entstehungsbedingungen, nach der ökonomischen Funktion und nach den Auswirkungen von Lagerkomplexen auf ihre unmittelbare Umgebung. Der Häftlingsalltag wird ebenso ausführlich behandelt, wie individuelle und gesellschaftliche Deutungen dieser Lagererfahrungen nach dem Tode Stalins.
Einführende Literatur: Volkhard Knigge /Irina Scherbakowa (Hg.): Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929-1956, Weimar 2012; Anne Applebaum: Der Gulag, München 2003.