CALL FOR APPLICATIONS: FELLOWSHIPS 2018-2019

Application Deadline: 15 September 2017

The Imre Kertész Kolleg invites applications for Fellowships for the academic year 2018-2019 for periods of residence from three months up to a full academic year. Applications are invited from noted and established scholars in the history of Central and Eastern Europe or neighboring disciplines such as sociology, anthropology, political sciences, philosophy, literary studies or linguistics relevant to the region.

Please find more information in our section Ausschreibungen/ Vacancies.

Das Ende der tausendjährigen Sprachlosigkeit

Włodzimierz Borodziej


Ehrendoktorwürde der Universität Jena für Herta Müller und Włodzimierz Borodziej

Am 20. Juni 2017 verlieh die Friedrich-Schiller-Universität Jena mit der Ehrendoktorwürde ihre höchste Auszeichnung an die Schriftstellerin Herta Müller und den Historiker Prof. Dr. Włodzimierz Borodziej. Wie der Präsident der Universität, Prof. Dr. Walter Rosenthal in seiner Begrüßung ausführte, wurden ganz bewusst zwei Persönlichkeiten für ihre herausragenden Leistungen gewürdigt, die für die Beschäftigung mit den östlichen Nachbarn Deutschlands im 20. Jahrhundert stehen. Der wissenschaftliche und künstlerische Blick stünden dabei keineswegs in einem Konkurrenzverhältnis zueinander. Im Gegenteil, so Rosenthal weiter: „Vielmehr erhellen und ergänzen sich beide gegenseitig.“

Das Imre Kertész Kolleg freut sich besonders über die Auszeichnung für Włodzimierz Borodziej, der von 2010 bis 2016 gemeinsam mit Prof. Dr. Joachim von Puttkamer das Kolleg als Co-Direktor leitete. Gegenwärtig ist er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Kollegs und der Universität Jena unverändert eng verbunden. Der Dekan der Philosophischen Fakultät, Prof. Dr. Stefan Matuschek, bezog sich auf den engen Zusammenhang von „Erkennen und Erzählen“ im Werk von Imre Kertész als einem Kompass für die Entscheidung, Müller und Borodziej zu ehren: „Romane und wissenschaftliche Geschichtsschreibung können solidarisch sein, indem sie beide auf ihre Weise daran arbeiten, historische Erfahrung zu bewahren, zu vermitteln und besser zu verstehen.“

In ihrer Laudatio auf Borodziej erklärte Prof. Dr. Gesine Schwan ihre Bewunderung für seine „ungewöhnliche Verbindung von betont nüchternem und sehr differenziertem Urteil und persönlicher Zurückhaltung, ja Bescheidenheit.“ Dies stehe, so Schwan, in Zusammenhang mit Borodziejs intellektueller Reaktion auf den Gegenstand seines wissenschaftlichen Interesses, der Geschichte Polens im 20. Jahrhundert im europäischen Kontext: „Das Ergebnis ist eine unaufhörliche Bemühung, verschiedene, auch konträre Perspektiven in den Blick zu nehmen und zu würdigen, ohne im Unentschiedenen zu verbleiben. Dazu gab es einfach in dem, was er historisch betrachtet, zu viel Grausamkeit, Leid, Schuld und Verantwortung.“

Besonders hob Schwan die ihrer Meinung nach „segensreiche“ Rolle Borodziejs als Vermittler zwischen Ost und West und als vielbeachteter Aufklärer über das östliche Europa in einer westlichen Öffentlichkeit hervor. Aufgrund seiner „tiefen und reflektierten, auch faktengesättigten Einsicht in komplexe historische Zusammenhänge“ sei er „ein Segen für sein Land, für seine Zunft, für Europa und für den Frieden.“

In seinen Dankesworten zog Borodziej eine Bilanz der deutsch-polnischen Beziehungen. Für die längste Zeit der Geschichte hatten sich Polen und Deutsche, „selbst die Größten der beiden Kulturen“ nicht viel zu sagen: „Im Raum standen Fremdheit und Ungleichzeitigkeit, der strukturelle Gegensatz zwischen dem preußisch geprägten Kleindeutschland und dem geteilten Polen, oft Desinteresse und Herablassung – dies freilich nur auf deutscher Seite.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg und seinem „Schatten von Hass, Angst und Verachtung“ sei es, so Borodziej, zum ersten Mal in der Geschichte zu wirklichen Begegnungen und Gesprächen gekommen. Er würdigte dabei insbesondere die Protagonisten des schwierigen Verständigungsprozesses auf beiden Seiten: „Die politischen Emigranten Hannah Arendt und Czesław Miłosz; Marion Gräfin Dönhoff und der Reformkommunist Mieczysław Rakowski; Leszek Kołakowski und Gesine Schwan; Władysław Bartoszewski und Helmut Kohl.“

Nach „tausendjähriger Sprachlosigkeit“ herrsche nun zwischen Deutschland und Polen „eine durchaus ansehnliche Normalität entlang einer der kulturell und zivilisatorisch schärfsten Grenzen in Europa.“ In Anspielung auf die gelegentlichen Spannungen zwischen den Regierenden in Berlin und Warschau erklärte Borodziej: „Regierungen kommen und gehen; die Gesellschaften bleiben und verändern sich.“ Sein Fazit war ein gesamteuropäisches: „Ja, wir ticken anders. Ja, wir können damit immer besser umgehen. Ebenfalls: keine finalité in Sicht, genau wie in all den anderen Zuständen und Fragen Europas. Kann man eigentlich mehr Normalität erwarten?“

Dem ausgesprochen gut besuchten und musikalisch anrührend und großartig von Prof. Dr. Jascha Nemtsov (Weimar) umrahmtem Festakt in der Aula schloß sich ein beschwingter und fröhlicher Empfang im Garten um das Griesbachsche Gartenhaus an, in dem das Imre Kertész Kolleg seinen Sitz hat.

Kolloquium des Imre Kertész Kollegs

Das wöchentliche Forschungskolloquium dient dem regelmäßigen wissenschaftlichen Gespräch über die Forschungsprojekte der Fellows und aktuelle Arbeiten aus den Projektschwerpunkten. Neben Fellows, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, lädt das Kolleg regelmäßig externe Gäste ein.

Montags von 11 bis 13 Uhr: Am Planetarium 7, Seminarraum

Das nächste Kolloquium des Imre Kertész Kollegs finden am 18. September 2017 statt. 


NEW PUBLICATION: To See a Moose: The History of Polish Sex Education from the First Lesson to the Internet

Agnieszka Kościańska

Wydawnictwo Czarne, Wołowiec, 2017
424 pages
ISBN: 978-83-8049-526-5
Price: 44,90 zł

This history of struggles against ignorance and double standards starts towards the end of the 19th century, when men learned sex from prostitutes, and when the prevalence of shameful diseases was an open secret. Kościańska guides readers through developments in the field of sex education throughout the 20th century. How did it come to be, that at the beginning of this new age storks suddenly ceased to deliver babies and stories about the birds and the bees no longer satisfied curious girls and boys? What does intercourse have to do with spotting moose? How was sex described in a school textbook scrapped by the communists for fear of offending religious sentiment? Finally, could folk songs convey more information than progressive self-help books? Among Kościańska's protagonists are women and men who had the courage to change how sex was written about. Yet readers will be urged to keep their critical hats on in assessing the contributions of the cult figures of Polish sexology. This work is the first to critically examine Polish sex education in the 20th century.

NEW PUBLICATION: Curtain of Lies: The Battle over Truth in Stalinist Eastern Europe

Melissa Feinberg

Oxford University Press, 2017
256 Pages
ISBN: 9780190644611
Price: £47.99

While the Cold War governments of Eastern Europe operated within the confines of the Soviet worldview, their peoples confronted the narratives of both East and West. From the Soviet Union and its satellites, they heard of a West dominated by imperialist warmongers and of the glorious future only Communism could bring. A competing discourse emanated from the West, claiming that Eastern Europe was a totalitarian land of captive slaves, powerless in the face of Soviet aggression.

In Curtain of Lies, Melissa Feinberg conducts a timely examination into the nature of truth, using the political culture of Eastern Europe during the Cold War as her foundation. Focusing on the period between 1948 and 1956, she looks at how the "truth" of Eastern Europe was delineated by actors on both sides of the Iron Curtain. Feinberg offers a fresh interpretation of the Cold War as a shared political environment, exploring the ways in which ordinary East Europeans interacted with these competing understandings of their homeland. She approaches this by looking at the relationship between the American-sponsored radio stations broadcast across the Iron Curtain and the East European émigrés they interviewed as sources on life under Communism. Feinberg's careful analysis reveals that these parties developed mutually reinforced assumptions about the meaning of Communism, helping to create the evidentiary foundation for totalitarian interpretations of Communist rule in Eastern Europe. In bridging the geopolitical and the individual, Curtain of Lies provides a perspective that is both innovative in its methodology and indispensable to its field.